Akt I: Der steile Abgrund und die kalte Berechnung
Der Wind pfiff leise durch die Korridore des riesigen Anwesens, als Jessica den Rollstuhl langsam, aber zielstrebig Richtung Haupteingang und zur gefürchteten, steilen Steintreppe schob. Sie prüfte mit einem schnellen Blick nach links und rechts, ob sich irgendwo Zeugen befanden. Kein Dienstbote war zu sehen; das Haus schien wie ausgestorben, als hätte das Schicksal selbst den Atem angehalten.
In diesem Moment verschwand das sanfte, gesellschaftsfähige Lächeln, das Jessica zeitlebens wie eine Maske getragen hatte, vollkommen von ihrem Gesicht. Es wich einem abscheulichen, hasserfüllten Grinsen, das ihre wahren Züge offenbarte. Mit der geballten Kraft ihres kalten, verhärteten Herzens und ohne jegliches Zögern gab sie dem Rollstuhl plötzlich einen heftigen, brutalen Stoß nach vorn.
„Nein… Jessica! Um Himmels willen, was tust du da? Hör auf damit!“, rief Eleanor entsetzt, als ihr in diesem Schreckensmoment die vollkommene, tödliche Absicht ihrer Schwiegertochter bewusst wurde. Die Maske der Resignation fiel; Todesangst packte die alte Frau.
Doch es gab kein Zurück mehr. Der schwere Rollstuhl ruckte gewaltsam nach vorn, hob sich kurz an und stürzte dann die steile, unbarmherzige Steintreppe hinab. Eleanor wurde mit Wucht aus dem Sitz geschleudert. Ihr gebrechlicher, betagter Körper polterte wie eine zerbrechliche Puppe die Stufen hinunter und schlug mit einer Reihe trockener, schrecklicher Knochengeräusche auf dem harten, unerbittlichen Marmor auf.
Die Stille des Nachmusikkleidungs-Salons wurde von einem dumpfen Aufschlag zerrissen. Eleanor lag regungslos und doch bei vollem Bewusstsein am Fuß der Treppe. Um sie herum bildete sich rasch eine dunkle, blutrote Lache, die sich auf dem glänzenden Boden ausbreitete. Ihr Gesicht war vor unvorstellbarer Qual verzerrt, ihre alten, zitternden Hände klammerten sich mit letzter Kraft an den Saum ihres weißen Kleides, das nun von ihrem eigenen Blut getränkt und gezeichnet war. Mit glasigen Augen blickte sie nach oben, während ein ersticktes Keuchen ihre Kehle verließ:
„Hilf mir… um Gottes Willen, die Schmerzen… willst du mich wirklich kaltblütig umbringen, du herzloses Geschöpf… nach all den Jahren?“
Jessica stand oben an der Kante der Treppe, völlig ungerührt, das Atmen schien sie kaum anzustrengen. Mit einer fast lässigen Eleganz strich sie sich ihr teures schwarzes Abendkleid glatt, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte mit einer eisigen, abgrundtiefen Gleichgültigkeit auf ihr sterbendes Opfer hinab. Für Jessica war Eleanor keine Familie mehr, sondern nur noch ein lästiges Insekt, das plattgetreten worden war. Ein Funke reiner, unverfälschter Grausamkeit blitzte in ihren kalten Augen auf:
„Wenn du unbedingt jemandem die Schuld an diesem elenden Ende geben willst, dann gib sie dir gefälligst selbst! Deinem senilen, einmischenden Verstand, der meiner strahlenden Zukunft und der meiner Kinder im Weg steht! Du hättest ohnehin schon letztes Jahr abtreten müssen. Stirb endlich – verschwinde für immer aus meinem Leben, aus dem Leben meines Mannes und aus diesem Haus!“
Akt II: Der Schatten am Fuß der Treppe und die Explosion des Zorns
Doch die Mühlen der grausamen Realität mahlen manchmal schneller, als die Schuldigen es zu berechnen vermögen. Jessicas fatale Fehleinschätzung bestand aus einem einzigen, aber entscheidenden Detail, das sie in ihrer Hybris völlig ignoriert hatte: dem exakten Zeitpunkt der Rückkehr von Alex.
Genau in jenem Bruchteil einer Sekunde, als Jessica sich siegessicher abwenden wollte, um ihr Alibi vorzubereiten, trat eine große, breitschultrige Gestalt in schwerer, staubbedeckter Kampfmontur aus dem tiefen Schatten des Flurs am Fuß der Treppe hervor – wie eine finstere, unerbittliche rächende Gottheit aus einem alten Mythos.
Es war Alex. Der älteste Enkel, der Stammhalter, der gerade erst von monatelangen, erbarmungslosen Einsätzen an der Front und aus der militärischen Isolation zurückgekehrt war. Er hatte kein Taxi genommen, sondern war zu Fuß gegangen, um seine geliebte Großmutter mit einer herzlichen Umarmung zu überraschen. Er hatte sich auf ein warmes Lächeln gefreut, auf Worte des Stolzes und auf den Duft von frischem Tee.
Anstelle dessen traf ihn ein Anblick, der sein Blut augenblicklich gefrieren ließ und ihn in eine rasende Bestie verwandelte: Seine geliebte Großmutter lag leblos in einer wachsenden Blutlache, mit gebrochenem Körper, während seine eiskalte Tante oben stand, triumphierte und spottete.
In diesem Moment schoss pure, unbändige Wut wie glühende Lava durch Alex’ Adern. Die Luft schien zu brennen. Die schwere Stille des Anwesens wurde von einem markerschütternden Brüllen zerrissen, das durch die hallenden Korridore schoss:
— „MONSTER! Wie um alles in der Welt kannst du es wagen, meiner Großmutter so etwas Bestialisches anzutun!“
Alex schnellte nach vorn wie ein abgeschossener Pfeil. Mit halsbrecherischem Tempo nahm er die Stufen, sprang gleich mehrere auf einmal. Ehe Jessica auch nur die Zeit fand, den Kopf zu drehen, den Verrat zu begreifen oder auch nur den Ansatz eines Fluchtversuchs zu starten, hatte er sie bereits erreicht.