Doch sie hatte sich gewaltig getäuscht.

Kapitel 4: Der Schrei im Treppenhaus

Die Vorstandssitzung war kurzfristig verschoben worden, da der Hauptinvestor verspätet war. David war deshalb unangemeldet und viel früher als geplant nach Hause zurückgekehrt. Als er die schwere Eingangstür öffnete, schlug ihm nicht die gewohnte Meeresstille entgegen, sondern das herzzerreißende Weinen seiner Tochter und Elenas wutentbranntes Gebrüll.

Er erstarrte mitten im Foyer. Seine Augen richteten sich auf die lichtdurchflutete Galerie vor der Glasfront. Dort sah er seine Frau – die Frau, die er für einen Engel gehalten hatte – wie sie rücksichtslos sein kleines Mädchen packte, schüttelte und zur Tür zerrte.

Ein Vulkan der Wut brach in David aus. Seine Schritte dröhnten wie Donnerschläge auf den Stufen der marmornen Wendeltreppe, als er im Laufschritt nach unten stürzte.

„Elena! Was machst du da mit meiner Tochter?!“ brüllte David, und seine Stimme erschütterte das gesamte Gebäude.

Elena fuhr herum. Entsetzen spiegelte sich in ihren Augen wider. Ihr Griff lockerte sich für den Bruchteil einer Sekunde. Sophie nutzte die Chance, riss sich los und rannte, so schnell ihre kleinen Beine sie trugen, zu ihrem Vater. Sie warf sich an seine Beine, vergrub ihr gesicht in seinem Anzug und zitterte am ganzen Körper.

Elenas Gesicht verwandelte sich blitzschnell. Die Bosheit verschwand, und sie schlüpfte augenblicklich in die Rolle des opferbereiten, missverstandenen Engels.

„David… um Himmels willen, das ist nicht so, wie es aussieht!“ stotterte Elena mit zitternder Stimme und erhobenen Händen. „Sophie hatte wieder einen ihrer schweren Anfälle! Sie wollte einfach auf die Klippen hinausrennen! Ich… ich wollte sie doch nur beschützen und drinnen halten!“

David trat einen Schritt vor. Seine Augen waren zu zwei schmalen, eiskalten Schlitzen geworden. „Hältst du mich eigentlich für völlig blind? Wollte sie rausrennen, oder hast du versucht, sie aus meinem Haus zu werfen?!“

„Ich schwöre es dir beim Leben meiner Mutter, ich wollte nur ihr Bestes!“ rief Elena hysterisch und versuchte, Tränen herauszupressen.

„Sag mir sofort, was hier passiert ist! Genau jetzt!“ verlangte David mit einer Stimme, die keinen Raum für Ausflüchte ließ.

Sophie blickte mit verweinten, ängstlichen Augen zu ihrem Vater auf. Mit ihrem kleinen, zitternden Finger zeigte sie direkt auf Elena.

„Sie hat gesagt, dass Mama tot ist und dass das jetzt ihr Haus ist…“ flüsterte das Kind unter Schluchzen. „Sie hat gesagt, ich muss abhauen… Und sie hat Mamas Kleid zerschnitten und meine Kette kaputt gemacht!“

Kapitel 5: Die Abrechnung

Die ehrlichen Worte des Kindes trafen David wie ein Schlag ins Gesicht. Sein Blick fiel auf die Stofffetzen von Claras Kleid auf dem Boden und auf die tiefen, dunklen Hämatome an den Handgelenken seiner Tochter.

Ohne ein weiteres Wort zog David sein Smartphone aus der Tasche und entsperrte einen versteckten Ordner. Seit einigen Wochen hatte er unter mysteriösen Magenkrämpfen gelitten und wegen eines unguten Gefühls heimlich ein hochmodernes, getarntes Überwachungssystem im gesamten Haus installieren lassen.

Auf dem hochauflösenden Display spielte er die Aufnahmen der letzten 30 Minuten ab. Man sah gestochen scharf, wie Elena das Kleid zerschnitt, wie sie das Kind schlug, beleidigte und gewaltsam zur Tür schleifte.

Doch das war noch nicht alles. Das System hatte auch ein Telefongespräch aufgezeichnet, das Elena erst vor zwei Stunden auf dem Balkon geführt hatte. Die Lautsprecher des Handys gaben das Gespräch glasklar wieder. Es war die Stimme ihres Liebhabers:„Elena, wo bleibt mein Geld? Wenn du mir nicht bis morgen die zwei Millionen überweist, gehe ich zur Polizei und erzähle ihnen genau, wie wir damals die Bremsleitungen an Claras Wagen durchgeschnitten haben!“

Und Elenas Antwort war auf der Aufnahme deutlich zu hören gewesen:„Halt das Maul! Sobald ich das Kind heute Abend in die Anstalt verfrachtet habe, kriege ich Zugriff auf das Treuhandkonto. Du bekommst dein Geld!“

Das Gesicht von Elena wurde leichenblass. Die Luft im Raum schien zu gefrieren. David starrte sie mit einem Blick an, der von tiefstem Hass und absolutem Entsetzen erfüllt war.

„David… bitte… hör mir zu…“ fötelte Elena, stürzte auf die Knie und versuchte, nach seinem Hosenbein zu greifen. „Ich liebe dich doch! Er hat mich erpresst!“

David wich nicht nur zurück, sondern stieß sie mit Verachtung von sich. „Fass mich nicht an, du Monster! Du dachtest, du könntest mein Leben ruinieren, mein Kind quälen und meine Frau ermorden? Alles, was du wolltest, war dieses Haus und mein Geld. Aber du hast dich verkalkuliert. Das einzige, was du hier bekommst, ist deine gerechte Strafe!“

Wenig später traf die Polizei mit Sirenengeheul an der Villa ein. Elena und ihr Komplize wurden noch am selben Abend festgenommen. Die Beweise der Überwachungskameras, die Blutanalysen von David – die Spuren von Rattengift aufwiesen – sowie das geständnisreife Telefonat besiegelten ihr Schicksal für immer: lebenslange Haft ohne Chance auf vorzeitige Entlassung.

Als der Streifenwagen mit der wimmernden Elena in der Dunkelheit verschwand, stand David auf dem Balkon der Villa. Er hielt Sophie fest in seinen Armen, drückte ihr Köpfchen an seine Brust und sah zu, wie die Sterne über dem Ozean aufgingen. Der Albtraum war vorbei.