Das alte Wandtelefon, ein schweres Bakelit-Modell aus den siebziger Jahren, das Claire damals partout nicht gegen ein modernes Gerät tauschen wollte, hing schlaff an der Wand. Das Kabel war mit roher Gewalt herausgerissen worden. Es baumelte leblos in der Luft.

Kapitel 3: Die Melodie der Toten

Walter widersprach Tara mit keinem Wort. Er hatte jahrzehntelang Starkstrommasten bestiegen; er wusste genau, dass man ein beschädigtes, stromführendes Kabel niemals mit bloßen Händen anfasste, wenn man den Funkenflug vermeiden wollte.

„Maisie braucht trockene Kleidung. Ich helfe ihr“, sagte er mit tonloser, gefährlicher Ruhe.

Er folgte dem Mädchen in ihr rosafarbenes Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich. Draußen im Flur konnte man Taras unruhige Schritte hören – ein Hin und Her wie das von einem gefangenen Tier. Walter kniete sich mühsam auf den Teppich, stützte sich auf seinen Stock und sah seiner Enkelin direkt in die großen, verängstigten Augen.

„Erzählis mir, Maisie. Jedes Detail. Was war gestern Abend mit dem Telefon?“

Maisie kauerte sich auf die Bettkante, zog die nassen Knie an die Brust und flüsterte mit brüchiger Stimme: „Gestern Abend, als es dunkel wurde, war Tara in der Garage und hat am Rasenmäher geschraubt. Da hat das Telefon geklingelt, Opa. Sonst ruft hier nie jemand an, weil Tara sagt, alle Nummern sind veraltet. Aber ich bin rangegangen.“

Walter hielt den Atem an. Seine Hand, die den Holzstock umklammerte, zitterte leicht.

„Am Anfang war da nur so ein schweres, rasselndes Atmen“, fuhr Maisie fort, und eine Träne mischte sich mit den Wassertropfen in ihrem Haar. „Dann hat eine Frauenstimme gesprochen. Ganz leise, ganz langsam, so müde, als ob sie gerade aus einem tiefen, kalten Schlaf aufgewacht wäre. Sie hat gesagt: ‘Maisie? Mein Engel? Bist du da?’“

„Und du? Was hast du gesagt, Maisie?“

„Ich habe ‚Ja‘ gesagt, Opa. Weil ich wusste, wer es war. Es war Mama. Und dann hat sie angefangen zu weinen. Und dann hat sie es gesungen. Die sieben Noten. Unser Lied.“

Walter schloss die Augen. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Die Brücke, das stürmische Wasser, das verschwundene Auto – all das schien plötzlich keinen Frieden gefunden zu haben.

In diesem Moment klopfte es an der Zimmertür. Taras Stimme drang durch das Holz, schrill und von blanker Hysterie verzerrt: „Walter? Was macht ihr da drin so lange? Das Kind muss sich umziehen! Daniel kommt gleich von der Bohrinsel zurück! Und er wird es gar nicht mögen, wenn du hier alte Geschichten aufwühlst!“

Walter blickte zur Tür, dann zu Maisie. Er zog ein kleines, sauberes Taschentuch aus seiner Tasche, trocknete die Wange seiner Enkelin und stand auf. In seinen Augen loderte kein Altersschein mehr, sondern die unnachgiebige Härte von Stahl.

„Lass sie kommen, mein Kind“, flüsterte er leise. „Die Wahrheit lässt sich nicht mehr im Fluss ertränken.“

Kapitel 4: Das Verhör im Wohnzimmer

Die Eingangstür flog auf. Ein schwerer, metallischer Geruch nach Diesel und Salz drang in den Flur. Daniel Hart stand im Flur, die Reisetasche noch in der Hand, das Gesicht gezeichnet von monatelanger Monotonie auf der Bohrinsel. Seine Augen waren hohl, die Schultern gebeugt von einer Schuld, die er nie verarbeitet hatte.

„Was zum Teufel ist hier los?“, rief Daniel, während Tara sofort an seine Seite huschte, sich an seinen Arm klammerte und mit feuchten, gespielten Tränen in den Augen zu sprechen begann: „Daniel! Gott sei Dank, dass du da bist! Dein Schwiegervater ist einfach reingeplatzt. Er beschuldigt mich… er sagt schreckliche Dinge, Daniel! Er behauptet, ich würde Maisie quälen, und stiftet das Kind zu Labyrinthen an!“

Daniel sah müde von Tara zu Walter, der langsam aus dem Flur ins Wohnzimmer trat.

„Walter“, sagte Daniel erschöpft, während er sich durch die graumelierten Haare fuhr. „Bitte. Nicht heute. Du weißt, wie schwer das alles für uns ist. Tara gibt sich solche Mühe mit dem Haus, mit Maisie… wir versuchen alle, nach vorn zu blicken.“

Walter blieb mitten im Raum stehen. Er stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock, die Knöchel weiß vor Anspannung.

„Daniel, siehst du das Wandtelefon dort drüben?“, fragte Walter mit fester, schneidender Stimme.

Daniel blinkte verwirrt. „Das Telefon? Ja, das ist kaputt. Der Blitzschlag vor zwei Jahren…“

„Das Kabel wurde nicht vom Blitz getroffen, Daniel“, schnitt Walter ihm das Wort ab. „Es wurde mit einer Zerspanungszange durchtrennt. Gestern Abend hat es geklingelt. Und Maisie hat den Hörer abgenommen.“

Taras Gesicht verlor jede verbliebene Farbe. Sie wich rückwärts, bis ihr Rücken gegen das Bücherregal stieß. Ihre Hände begannen unkontrolliert zu zittern.

„Lüge! Das Kind spinnt! Walter, du machst sie verrückt mit deinen senilen Phantasien! Daniel, wir müssen ihn rauswerfen! Sofort!“

„Halt den Mund, Tara!“, schrie Walter plötzlich mit einer Wucht, die den Raum erschütterte. Selbst Daniel zuckte zusammen.