Daniel legte das Band in ein altes Sony-Diktiergerät, das er aus einer Aufbewahrungsbox ausgegraben hatte. Er drückte auf Play. Das Zischen von Rauschen füllte den Raum, gefolgt von dem Geräusch angestrengten Atmens und dem rhythmischen Ticken eines Autoreglers. Dann tauchte Sarahs Stimme auf, angespannt, verängstigt und mit Tränen erstickt.„Daniel… wenn du das hörst, bedeutet das, dass ich die Kaserne der Staatspolizei nicht erreicht habe. Sie weiß es. Victoria weiß, was ich aus dem Safe von Blackwood mitgenommen habe.“ Daniels Atem stockte ihm in der Kehle. Er beugte sich näher an den Lautsprecher, seine Brust zog sich zusammen, als wäre sie in Stacheldraht gewickelt.
„Sie hat mir gesagt, Emily sei nicht geeignet, die Blutlinie der Sterlings zu beerben“, schluchzte Sarah auf der Aufnahme, während im Hintergrund das Prasseln des Regens gegen die Windschutzscheibe zu hören war. „Sie sagte, ein Kind mit einem Herzfehler, ein Kind, das nicht pure Perfektion war, sei eine Schande für das Vermächtnis der Familie. Aber das war noch nicht alles, Daniel. Ich habe die Finanzbücher gefunden. Blackwood Ridge war kein Ferienhaus. Dort hat sie –“ Ein plötzlicher, heftiger Reifenquietscher durchbrach das Band. Ein widerliches metallisches Krachen folgte, begleitet von Sarahs blutgefrierendem Schrei. Dann wurde das Band nicht etwa stumm. Stattdessen hallte das Geräusch schwerer, auf Schnee knirschender Schritte durch den winzigen Lautsprecher. Eine Autotür öffnete sich mit dem quietschen verbogenen Metalls. Die Stimme einer Frau, kalt, gebieterisch und völlig ruhig, sprach über das sterbende Keuchen des Automotors.„Wie schade, Sarah. Du hättest in deiner Spur bleiben sollen.“ Es war Victoria.
Das Band klickte ab. Die Maschine kam abrupt zum Stillstand. Daniel sprang auf, warf seinen schweren Ledersessel rückwärts ins Bücherregal. Die Welt um ihn herum wurde rot. Seine Vision verengte sich zu purer, lodernder Wut. Seine Mutter hatte das Auto nicht nur vernachlässigt. Sie hatte Emily nicht nur im Geheimen missbraucht.Sie hatte Sarah gejagt.
Daniel griff nach seinem schweren Mantel, steckte den Messingschlüssel in seine Tasche und schob eine juristische Akte in seine Aktentasche. Er trat in den Flur, sein Gesicht eine Maske erschreckender Entschlossenheit. „Clara“, rief Daniel leise. Das Kindermädchen sah von dem Sofa auf, auf dem Emily bereits schlief und ihr Kuschelkaninchen umklammerte. „Ja, Mr. Sterling?“ „Schließ die sekundären Riegel ab. Öffne diese Tür für niemanden außer mich. Wenn der Perimeterschirm auch nur einmal auslöst, drück den Panikknopf unter dem Tresen. Das private Sicherheitsteam im Foyer ist in dreißig Sekunden oben.“ „Gehen Sie bei diesem Sturm nach draußen, Sir?“, fragte Clara und bemerkte die tödliche Intensität in seinen Augen. „Ich habe einen Termin mit einem Monster“, sagte Daniel. Zwanzig Minuten später hielt Daniels schwarzer SUV vor den hohen Eisentoren des St. Jude’s Psychiatric Institute in Westchester. Es war eine private, festungsartige Einrichtung für die Ultrareichen – ein Zufluchtsort, in dem Milliardäre medizinische Alibis kauften, um Haftbefehlen zu entgehen. Daniel zeigte seine Vollmachten und die einstweilige gerichtliche Verfügung vor, die er an diesem Morgen eingereicht hatte. Die Sicherheitskräfte an der Rezeption, eingeschüchtert von seinem Nachnamen und der kalten, unnachgiebigen Autorität, die von ihm ausging, wichen zur Seite. Er ging den langen, teppichgedeckten Korridor des VIP-Flügels im dritten Stock entlang. Zimmer 304 sah eher wie eine Fünf-Sterne-Hotelsuite aus als wie eine psychiatrische Station.
Victoria Sterling saß in einem Sessel aus Seide am Erkerfenster und schlürfte Earl Grey aus einer Porzellantasse. Sie trug eine maßgeschneiderte Kaschmirjacke, ihr silbernes Haar war so makellos frisiert, als würde sie eine Operngala geben. Ihr Knöchel war frei von einer elektronischen Fußfesseln. Sie zuckte nicht einmal zusammen, als Daniel die schwere Tür hinter sich zuschlug. „Du hast dir Zeit gelassen, Daniel“, sagte Victoria sanft und stellte ihre Teetasse mit einem zarten Klingen auf der Untertasse ab. „Ich habe dich vor zwei Stunden erwartet.“
Kapitel 13 – Die Anatomie eines Monsters