Kein Titel. Nur ein gedruckter Code:PROJEKT V.C. Elias starrte darauf. „Du hast diese Initialen im Klinikbuch gesehen.“ „Du auch.“ „Vivienne Cross.“ Adrian sagte nichts. Noch nicht. Elias öffnete den Ordner. Die erste Seite war eine Aufnahmeermächtigung des St. Catherine Private Surgical Center. Die meisten Namen waren geschwärzt. Aber eine Zeile blieb sichtbar.Notfall-Gesichtsrekonstruktion genehmigt unter versiegeltem Identitätsprotokoll. Das nächste Dokument listete mehrere Eingriffe über sechs Wochen auf. Augenhöhlenreparatur. Narbenkorrektur. Kieferrekonstruktion.

Weichgewebetransplantation. Adrians Finger wurden kalt. „Das war nach Elaras Unfall.“ „Ja.“ Elias blätterte eine weitere Seite um. Eine Fotokopie eines Reisepasses. Das Foto war absichtlich unkenntlich gemacht worden. Name: VIVIENNE CROSS. Ausstellungsdatum: Sieben Wochen nach Elaras Tod. Adrian stand völlig still. „Das könnte gefälscht sein.“ „War es wahrscheinlich auch.“ „Nein. Ich meine, das beweist, dass Julian eine Frau namens Vivienne Cross erschaffen hat.“ „Ja.“ „Es beweist nicht…“ „Ich weiß.“ Adrians Stimme wurde schärfer. „Beende diesen Satz nicht.“ Elias tat es nicht. Er blätterte weiter in den Dokumenten.

Ein Mietvertrag unter Viviennes Namen. Ein privates Bankkonto. Ein neuer Sozialversicherungsdatensatz, erstellt durch gefälschte Belege. Jahre sorgfältiger Konstruktion. Julian hatte nicht einfach jemanden versteckt. Er hatte ein Leben aufgebaut. Adrians Puls hämmerte. Dann erreichte Elias den schwarzen Umschlag. Darauf, in Julians Handschrift:NUR FÜR E.V. — WENN FRAGEN ZUR IDENTITÄT AUFTRETEN Elias sah Adrian an. „Das bin ich.“ „Öffne ihn.“ Darin befanden sich Fotos. Echte. Gedruckt auf schwerem Mattpapier. Elias legte das erste auf den Tisch.

Elara. Vor dem Unfall. Adrian kannte das Kleid. Er hatte sie an diesem Abend zum Essen ausgeführt. Das zweite Bild zeigte einen Krankenhausflur. Eine Frau auf einer Bahre. Ihr Gesicht dick in Bandagen gewickelt. Nur ihre Augen waren sichtbar. Adrian starrte. „Elara?“ „Keine Beschriftung.“ Drittes Foto. Dieselbe Frau Wochen später. Weniger Bandagen. Schwellung. Kurz geschnittenes dunkles Haar. Adrian trat näher heran. Etwas an den Augen beunruhigte ihn. Das vierte Foto war Monate später aufgenommen worden. Die Frau stand mit Sonnenbrille vor einer Klinik.

Ihr Gesicht war jetzt anders. Nicht unerkennbar. Aber genug verändert, um Adrians Brust zuschnüren zu lassen. Elias legte das fünfte Foto daneben. Dieselbe Frau. Gepflegter. Längeres Haar. Andere Haltung. Andere Kleidung. Adrian spürte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich. „Nein.“ Elias sprach nicht. Es gab noch ein Foto. Er drehte es um. Adrian sah eine elegante Frau neben einer schwarzen Limousine stehen. Smaragdgrünes Kleid. Dunkles Haar. Das Gesicht, das er geküsst hatte. Das Gesicht, das neben ihm geschlafen hatte.

Das Gesicht, das auf Leo in der Badewanne hinabgesehen hatte. Vivienne. Adrians Hand krallte sich an die Kante des Tisches. Elias flüsterte: „Jesus.“ Adrian blickte vom ersten Foto – Elara – zum letzten. Vivienne. Und zum ersten Mal fühlte sich das Unmögliche nicht länger unmöglich an.

Kapitel 10 — Vivienne Cross

Adrian starrte die Fotos an, bis die Gesichter aufhörten, wie zwei verschiedene Frauen auszusehen. Elara. Bandagen. Ein heilendes Gesicht. Ein anderer Haarschnitt. Eine andere Haltung. Vivienne. Elias stand schweigend auf der anderen Seite des Tischs. Keiner von beiden wollte der Erste sein, der es aussprach. Adrian nahm schließlich das letzte Foto auf. Vivienne stand in einem figurbetonten grünen Kleid neben einer schwarzen Limousine, eine Hand auf der Autotür ruhend. Er kannte dieses Kleid. Sie hatte es bei ihrem zweiten Date getragen.

Er erinnerte sich an das Restaurant. Den Regen draußen. Die Art, wie sie gelächelt hatte, als er sagte, er hasse Dessert, und dann trotzdem zwei bestellte. Er erinnerte sich, dass er gedacht hatte, sie wirkte seltsam vertraut. Nicht ihr Gesicht. Etwas Kleineres. Die Art, wie sie ein Weinglas berührte. Die Art, wie sie den Kopf neigte, wenn sie zuhörte. Die Art, wie sie Lilien hasste. Elara hatte Lilien gehasst. Adrian hatte gelacht, als Vivienne genau dasselbe sagte. Er hatte sich weiter nichts dabei gedacht. Sein Magen drehte sich um. „Das ist kein Beweis.“

Elias betrachtete die Fotos. „Es ist nah dran.“ „Nein.“ Adrian ließ das Bild auf den Tisch fallen. „Menschen ähneln sich.“ „Adrian.“ „Gesichter verändern sich nach Operationen.“ „Ja.“ „Das heißt nicht…“ Elias zog ein weiteres Dokument aus dem Ordner. „Ich wollte dir das nicht zeigen, bevor ich mir sicher war.“ Adrian sah ihn an. Elias legte die Seite hin. Ein klinisches Identitätsübertragungsformular. Der größte Teil war Verwaltungssprache. Patientennummer. Eingriffsdaten. Psychologische Beobachtung. Schützende Umsiedlung. Dann sah Adrian die Namen. Ursprüngliche Identität: Elara Harrington.

Seine Augen blieben stehen. Darunter: Ersatzidentität: Vivienne Cross. Der Raum schien enger zu werden. Adrian las beide Zeilen noch einmal. Dann wieder. „Nein.“ Elias sagte nichts. Adrian hob das Papier auf. Seine Hand hatte begonnen zu zittern. „Wer hat das unterschrieben?“ „Julian.“ Unten befand sich Julian Hales Unterschrift. Daneben gab es eine weitere. Einen Klinikadministrator. Und eine Notiz:Die Person darf unter der früheren Identität keinen direkten Kontakt aufnehmen. Alle rechtlichen Unterlagen spiegeln den Tod von E.H. wider. Adrian senkte das Papier.