Rosa sah es und geriet in Panik. Victor rief eines seiner wenigen verbliebenen treuen Crewmitglieder an. „Bring Sofia hierher.“ „Benutzt keine Blackwood-Fahrzeuge.“ „Sagt der Zentrale nichts.“ Naomi sah zu, wie er das Gespräch beendete. „Du kommandierst immer noch Kriminelle herum.“ „Ich gebe einen Befehl, um eine Studentin zu retten, die euer Zeugenschutzprogramm übersehen hat.“ Die Worte trafen ins Schwarze, weil sie wahr waren. Naomi traf eine Entscheidung. „Wir fahren zur Bank.“ „Du, ich, Lily und ein Agent.“ „Niemand sonst weiß davon.“ Victor sah sie an. „Du lernst dazu.“ Sie fuhren in einem Lieferwagen eines Sanitärbetriebs. Agent Marcus Reed fuhr. Er war jung, breitchultrig und sichtlich unwohl damit, dass Victor hinter ihm saß. Das Nachbargebäude war ein leerstehendes Versicherungsbüro, das abgerissen werden sollte. Lily führte sie durch einen überfluteten Heizungskeller zu einer verrosteten Metallluke.

Dahinter verlief ein Ziegeltunnel unter der Gasse. Sie erreichten den Bankkeller um 11:22 Uhr vormittags. Naomi deaktivierte einen alten Alarm mit einem Code, den Elena in ihren Akten hinterlassen hatte. Victor sah Lily an. „Meine Frau hat also geplant, dass eine Bundesagentin und ihre geheime Schwester in eine Bank einbrechen.“ „Elena hat sich auf den schlimmsten Tag überhaupt vorbereitet.“ „Das hier erfüllt die Kriterien.“ Der Tresorraum befand sich hinter einer gepanzerten Tür. Der Bankdirektor wartete drinnen. Naomi hatte ihn überredet, stillschweigend zu kooperieren. Er war siebzig, nervös und schwitzte stark. „Mrs. Blackwood hat ungewöhnliche Zugangsbedingungen festgelegt“, sagte er. „Zwei Schlüssel.“ „Zwei Blutsverwandte.“ „Und eine verbale Passphrase.“ „Welche Phrase?“, fragte Victor. „Der Kontoinhaber behauptete, die richtigen Besucher würden sie kennen.“ Lily erinnerte sich an Elenas Brief.Beschütze Ethan vor der Frau in Weiß.

Der Direktor schüttelte den Kopf. Victor fiel die Hochzeitseinblendung ein. „Elena hat mir einmal gesagt, dass die im Dunkeln gegebenen Versprechen die einzigen sind, die zählen.“ Der Direktor schüttelte erneut den Kopf. Naomi warf einen Blick in den Flur. „Wir haben keine Zeit für Rätsel.“ Lily blickte auf die Schließfachnummer. Fach 314. Der 14. März war das Datum, an dem sich Elena und Lily kennengelernt hatten. Sie hatten bis Mitternacht in einem Restaurant gesessen und über den Vater gesprochen, der ihr Leben getrennt hatte. Als sie gingen, umarmte Elena Lily und flüsterte ihr einen Satz zu.Keine versteckten Töchter mehr. Lily sprach ihn laut aus. Der Direktor nickte. Der Tresormechanismus entriegelte sich. Victor steckte seinen Schlüssel hinein. Lily steckte ihren hinein. Sie drehten sie gemeinsam. Im Schließfach befanden sich ein Stapel Dokumente,

ein USB-Stick, ein versiegelter Umschlag an Victor und ein kleines Medaillon aus Silber. Lily öffnete das Medaillon. Auf der einen Seite war Elenas Foto. Auf der anderen Seite befand sich ein Bild von zwei neugeborenen Jungen. Victor starrte es an. „Adrian und ich.“ Die Jungs waren identisch. Naomi nahm das Medaillon. „Waren sie Zwillinge?“ „Nein.“ Victors Stimme war kaum hörbar. „Adrian wurde elf Monate nach mir geboren.“ Der Bankdirektor blickte zur Tür. Ein metallisches Geräusch hallte aus dem Flur wider. Agent Reed hob seine Waffe. „Jemand hat die Servicetür geöffnet.“ Naomi sammelte die Dokumente ein. Victor riss Elenas Brief auf. Der erste Satz veränderte seinen Gesichtsausdruck. Lily las über seine Schulter mit.Victor, dein Vater hat über den Tag gelogen, an dem du geboren wurdest.

Bevor einer von beiden fortfahren konnte,

zerstörten Schüsse die Lampen des Tresorraums. Agent Reed sackte nach hinten, während sich Blut über sein Hemd ausbreitete. Naomi zog ihn hinter einen Aktenschrank. Victor feuerte in Richtung der Tür zurück. Drei maskierte Angreifer drangen durch den Rauch vor. Lily schnappte sich den USB-Stick und den Brief. Der Bankdirektor kicherte panisch zu einem Notfallknopf. Eine Kugel schlug neben seiner Hand in den Boden ein. Einer der Angreifer schrie: „Gebt uns die Schlüssel, und das Kind lebt!“ Victor schoss zweimal. Der Mann stürzte. Ein anderer warf eine Granate in den Tresor. Naomi trat sie unter einen Stahltwagen. Die Explosion hob den Wagen an und füllte den Raum mit Schrapnellen. Victor drückte Lily schützend an die Wand. Er fing den Wuchtstoß an seiner verletzten Schulter ab. Er schwankte, blieb aber auf den Beinen. Der dritte Angreifer zog sich zurück. Victor verfolgte ihn den Flur entlang. Lily folgte ihm trotz Naomis Befehl, zu bleiben. Sie erreichten das Treppenhaus genau in dem Moment, als der Angreifer seine Maske abnahm. Dante Russo blickte sie an. Er drückte auf eine Fernbedienung. Die Tresortür fiel hinter Lily ins Schloss. Victor und Dante verschwanden nach oben. Lily rüttelte an der Tür. „Victor!“ Keine Antwort. Naomi kniete sich neben Agent Reed nieder. „Er verblutet.“ Der Bankdirektor kroch auf sie zu. „Es gibt eine weitere Durchsage im Sicherheitsbüro.“ „In welchem Stockwerk?“, fragte Lily. „Im dritten.“ Ein metallisches Klingeln kam aus dem Inneren von Elenas Schließfach. Lily griff hinein und fand ein kleines Telefon. Der Bildschirm zeigte ein Live-Video aus der St. Michael-Kirche. Pater Gabriel lag bewusstlos auf dem Kellerboden. Rosa war verschwunden. Ethans Gitterbett war leer. Ein Mann trat ins Bild und hielt das Baby im Arm. Er hatte Victors Augen und Gesicht, aber sein Lächeln hatte nichts mit dem von Victor gemeinsam. „Hallo, Lily“, sagte Adrian Blackwood.

Kapitel 8 – Der andere Blackwood

Lily umklammerte das Telefon mit beiden Händen. Adrian hielt Ethan so lässig an seine Brust gedrückt, als trüge er ihn jeden Tag. Das Baby sah verängstigt aus, aber unverletzt. „Gib ihn her“, sagte Lily. Adrian lächelte. „Du klingst ja wie Elena.“ Naomi blickte von Agent Reed auf. „Halt ihn am Reden.“ Lily drückte die Freisprechtaste. „Was willst du?“ „Meine Familienunterlagen.“ „Den Brief.“ „Den USB-Stick.“ „Und beide Schlüssel.“ „Du hast schon versucht, das Schließfach zu leeren.“ „Ich habe versucht, es auf nette Art zu öffnen.“ „Deine Vorstellung von nett beinhaltet das Erschießen eines Bundesagenten?“ Adrian warf einen Blick aus dem Kamerabild. „Das war Dante.“ „Er wird emotional, wenn sich Pläne ändern.“ Lily hörte ein schwaches Geräusch hinter ihm. Kirchenglocken. Drei Schläge. Dann das Horn eines Zuges. Er befand sich nicht mehr unter St. Michael. Der Video-Feed war über einen aufgezeichneten Hintergrund eingespielt worden. Naomi merkte, dass Lily zuhörte. Sie schrieb mit dem Finger auf den Boden:STANDORT?